„Das tut man nicht“…?

Hand einer Frau im beigen Wollmantel, die eine braune Ledertasche am Henkel hält

 

„Darf ich Ihnen etwas sagen?“

„Natürlich.“

Der freundliche Teil in mir lächelt die ältere Dame, die die letzten zwei Stunden neben mir gesessen hat, an. Wir waren, ohne uns zuvor jemals begegnet zu sein, zu einer Gruppendiskussion über Premium-Säfte eingeladen worden. Nach über zwei Stunden angeregter Diskussion bin ich langsam müde und freue mich, endlich aufstehen zu können.

„Man stellt seine Handtasche nicht auf den Boden.“

Vor lauter Verwunderung sehe ich sie nur fragend an. Nach ein paar Sekunden bringe ich endlich ein erstauntes:

„Warum?“

über die Lippen.

„In der Handtasche sind doch die wichtigsten Dinge, die Sie besitzen. Ihr Geld, Ihr Portemonnaie. Einfach alles. Das stellt man nicht einfach auf den Boden.“

In mir steigen Ärger und Befremdung gleichzeitig hoch. Ärger über den Bruch des für mich wichtigen gesellschaftlichen Prinzips, andere nicht offen vor Dritten zu kritisieren. Zugleich Erstaunen über die Prioritätensetzung. Ihr GELD ist in der Tasche. DAS WICHTIGSTE!

Zugegeben, auf den Boden des Bahnhofsklos würde ich meine Tasche tatsächlich nicht stellen, aber in einem ganz normalen, ordentlichen Besprechungszimmer mit Teppichboden? Das WICHTIGSTE habe ich obendrein ganz woanders.

Mein altes Beschwichtigungs- und Erklärungsmuster drängt sich nach vorne, und ich höre mich sagen:

„Naja, ich sehe diese Tasche gar nicht als Handtasche an. Für mich ist das eine Arbeitstasche. Ich gehe damit ins Büro, zum Einkaufen, einfach überall hin.“

(Rechtfertige ich mich etwa gerade???)

Die ältere Dame, wir sind inzwischen vom Diskussionstisch aufgestanden, insistiert weiter.

„Ich habe mir das schon von Anfang an gedacht. Ihre Tasche steht ja auf dem Boden. Und das macht man einfach nicht.“

Ich beschließe, mich nicht zu ärgern, sondern auf die Bemerkung inhaltlich einzugehen:

„Ah, darum gibt es auch diese kleinen Bänkchen oder Hocker in manchen Restaurants.“

Dabei blicke ich mich in dem spärlich eingerichteten, funktionalen Besprechungsraum um.

„Hier allerdings nicht.“

„Ja“, fährt sie fort, „wenn Sie mal in den Bayerischen Hof gehen, zum Beispiel, da finden Sie solche Handtaschenbänkchen.“

„So, so. Na dann danke ich Ihnen für den Hinweis.“

„Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel.“

Doch tue ich. Und andererseits auch wieder nicht. Denn wen kümmert es?

Darf ich mir eine Gegenbemerkung erlauben? Man kritisiert Menschen, die man gar nicht kennt, nicht vor anderen, die sich ebenfalls alle nicht kennen. Und ungebeten Ratschläge zu erteilen, kommt meistens auch nicht gut an. Aber halt, Stopp. „Ungebeten“ stimmt nicht. Sie hat mich ja gefragt, und ich habe bejaht. Reflexartig. Genauso wie die meisten auf die Frage nach ihrem Befinden antworten. Der andere fragt ja nicht, weil er darauf wirklich eine ehrliche Antwort hören will.

Ihr „Das tut man nicht“ ist nicht meins. Und ich bin nicht „man“. Lange Zeit hatte ich ein „Man ist freundlich zu anderen“. Wenn ich müde bin, tauchen diese Muster immer noch auf.

„Ich nehme es Ihnen nicht übel.“

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